ich in meinem schwarzen Kleid und mit ungekämmten Haaren, nicht ohne den grauen Schleier vor meinen Augen zurecht zu ziehen, er hübsch wie eh und je (kann ihn nie, auch nur im Geringsten, hässlich finden) um in dem kleinen Städtchen einzukaufen das nur wenige Minuten von unserem Haus entfernt liegt. Ruht dort schlafend zwischen ein paar von Grün gesprenkelten, schokoladenfarbenen Hügeln. Erhebt sich aus dem Boden wie wachsende Zwerge, erhebt sich daraus wie die Nasen schlafender Riesen. Dort kaufen wir gemeinsam neuen Hagebuttentee und verlieren kein einziges Mal die Hand des Anderen. Halten uns aneinander als hätten wir Angst verloren zu gehen, als hätten wir Angst den Anderen zwischen all den fremden Gesichtern, all den unbekannten Gedanken zu verlieren. Neugierig betrachten wir die Fremden, die Gesichter, die sich zu uns umwenden, uns studieren, so wie wir es mit ihnen tun. Liebevoll halten wir aneinander fest, unsere Finger, Knochen, Fleisch und Haut gefühlt mit unseren Leben, ineinander verschränkt, in einander verknotet, das man fürchten könnte das man sie nie wieder auseinander flechten könnte. Wir versuchen uns an den Anderen zu halten, an seine Existenz, an sein Hier-sein-und-nicht-wo-anders. Versuchen alles am Anderen zu verstehen und verstehen uns doch ohne Worte. Voller Erstaunen betrachten wir die Welt um uns, diese bunte Welt, gesprenkelt von Farbflecken, die vor unseren Augen zu verschwimmen scheint. Die uns entgegen knallt wie ein Feuerwerk, so viele Dinge auf einmal die auf uns einströmen, zu viele um sie alle auf einmal zu begreifen, zu viele um auch nur eines davon zu fassen zu bekommen. Ein Aufblitzen vor deinen Augen, sekundenschnell bevor es schon wieder verschwunden ist. Ich reibe mir erstaunt die Augen, damit sie nicht zu schmerzen beginnen, von all diesem Passieren, von all dem Geschehen, das um uns stattfindet, das uns zu erschlagen droht. Versuche so viel wie nur irgend möglich in meinen kleinen Körper aufzusaugen. In jede meiner schwarzen, farblosen Körperzellen, einen Partikel dieser Farben in mich aufzusaugen. Um selbst ein wenig bunter zu erscheinen, um selbst an Leben zu gewinnen. Ich kann in diesem Gewirr aus Farben nicht mehr atmen, ich drohe zu ersticken. Meine Hand wird genommen, wie etwas sehr Wertvolles, wie etwas das jeden Moment zerbrechen könnte und ich werde hinfort getragen, aus all dem was mich fasziniert, was mir Farbe gibt und was mich zu erdrücken droht. Schnell werde ich fort geführt, von einem schwarzen Haarnest und dunklen Augen. Werde aus Häusern, Fremden Gesichtern und all den rauschenden Farben gerettet. Unser Atem geht schneller, unsere Herzen rasen, unsere Poren sondern Schweiß ab. Seiten stechen, Haare kleben an Nacken und Augen schwimmen. Liebevoll werde ich gehalten und erneut wird für mich, für mich allein gezaubert.
Wenn mein Liebster zaubert ist das als würde einem Herz und Gehirn gleichzeitig stehen bleiben. Man braucht nichts mehr zu denken, nichts mehr zu empfinden. Man löst sich auf, in Wohlgefallen und heiße Luft. Ich weiß nicht wie er es macht.
Ich weiß nur das mein Schatz ein Zauberer ist.
Ich wünsche mir oft, wenn ich in unserem Bett liege, den Kopf in die Kissen drücke, er möge nur für mich zaubern, niemals sich einem anderen Menschen auch nur nähern, er möge niemals einen Anderen auch nur jemals wieder anschauen, wünsche mir inständig er wäre blind und lahm damit er nie auch nur jemand anderen berühre, nie die Augen eines Anderen in seine fassen, niemals auch nur an Jemand anderen denken kann. Ich wünsche mir, dass er nur mir allein gehört.
Das ich die Einzige bin der er seine Liebe schenkt, dass ich die Einzige bin die er jemals anschaute, will die Einzige sein, auf die er seine Krankheit loslässt, will die einzige sein, die seine Hand halten darf, die einzige die er liebt.
Und ich will seine Hände abschlagen, dass sie niemand zu fassen bekommt, will sein Gesicht verschandeln, damit ihn nie wieder jemand außer mir anschaut, will ihm beide Beine brechen.
Und der graue Schleier, der vor meinen Augen hängt, scheint sich für einen kurzen Moment zu heben. Unter ihm blitzen hervor, graue Wänden und meterhohe Schornsteine vor den Fenstern. Meine kleinen Finger reisen ihn in die Tiefe, halten ihn verzweifelt auf dem Boden, das er nicht erneut in die Höhe flattern könnte.
An einem Tag gehen wir gemeinsam ans Meer.
Wir packen einen kleinen Picknickkorb ein, ein paar Brote und jeweils eine Kanne Tee und Kaffee. Ich trage mein schwarzes Sommerkleid, meine Sommersandalen, er ist hübsch wie jeden Tag. Sein Haar schimmert in der Sommerluft, seine Augen, zwei schwarze Knöpfe inmitten dunkler Haarsträhnen leuchten mir entgegen, untermalt von schwarz und Müdigkeit. Unsere Füße tragen uns voran, wir müssen gar nichts tun, sie ziehen uns als wären wir Schlafwandler in unserer eigenen Traumwelt. Unsere Füße bringen uns immer weiter, über Gräser, die zu uns aufschauen wie kleine, dürre Männchen, die uns wackelnd empfangen. Kirschbaumzweige die sich leise zu uns beugen, Tore vor uns bilden durch die wir schreiten könne, rieselnde Blütenblätter auf unseren Schultern. Vor uns aus dem Boden wachsen junge Bäume in die Höhe, schlängeln sich um unsere Beine, schlagen ihre Wurzeln immer tiefer in das Fleisch der Erde. Um uns bricht sich der Sonnenschein auf kalten Steinen, verfängt sich in unseren Haaren und Augen. Wir gehen, schlendern bis unsere Zehenspitzen weichen Sand berühren. Bis seine Körner unter unseren Füßen knirschen. Den Mittag verbringen wir mit unseren Stullen, lassen uns Butter und deftige Meerluft schmecken, lassen beides auf unserer Zunge zergehen. Über uns schreiende Möwen, strahlend blauer Himmel, kleine summende Insekten.
Er glaubt ich lebe in meiner eigenen Welt.
Schwarzes Haar wird aus dem Gesicht gestrichen, mein Name hinaus in die Wellen geschrien, mein Liebster greift nach meiner Hand, hält sie fest, beschützt sie, während mein Herz in Höhe meines Halses zu schlagen scheint. Aus seinem Hals dringt mein Name wie eine Zauberformel, eine für Glück und Frieden, eine die Wünsche in Erfüllung gehen lässt, eine solche, nach der wir uns alle schon einmal sehnten. Mit diesen Gedanken verfolgen wir seinen Schrei, wie er über den Ozean rast, wie er immer höher steigt, sich in die Atmosphäre drückt, sie schließlich durchbricht wie eine Rakete und seinen Weg ins Universum findet, seinen Weg in die Freiheit.
Den ganzen Abend sitzen wir eng umschlungen, am Rande der schäumenden Wogen. Über uns spannt sich der dunkelblaue Himmel. Schützend habe ich meine Arme um meinen Liebsten gelegt.
Mein Liebster, mein Schatz, mein Ein und alles, meine kleine Welt, mein Liebling, mein Freund, mein Vertrauter, meinen ohne-dich-kann-ich-nicht-existieren. Leise singen wir unbekannte Zeilen in denn Abend, lassen Sand durch unsere Hände rieseln. Mein Name wird zu einem der vielen Sterne am Himmel, wird zu einem Himmelsgestirn über unseren Köpfen, sodass er auf uns herabschauen und über uns den Kopf schütteln kann.
Davon bin ich überzeugt.
Er: „Ich liebe dich, als wärst du der Himmel über meinem Kopf,
als wärst du die Erde die ich mit meinen Füßen betrete,
als wärst du die Wege, die ich beschreite (von denen ich abweiche),
als wärst du Wasser, wenn ich verdurste,
als wärst du Brot, wenn ich verhungere.
Ich liebe dich als wärst du Regentropfen an einem Sommertag,
als wärst du das frische Gras im Frühling,
als wärst du der letzte Schmetterling im Herbst.
Ich liebe dich, als wärst du meine Knochen,
als wärst du das Blut, das durch meine Adern fließt.
Ich liebe dich, wie noch niemals geliebt wurde.
Ich liebe dich, als wärst du es, die anstelle meines Herzens in meiner Brust schlägt.“
Am Abend wache ich leise und lausche auf die Geräusche, die um mich erklingen. Leise, wachsam, behutsam tastet meine Hand nach seiner, tastet seine Hand nach meiner, tasten unsere Hände, schmecken meine Lippen seinen Atem, brennen meine Eingeweide in seinem geschundenen Körper, flüstern seine Gedanken in meinem Kopf, schlägt mein Herz in seiner Brust.
Wir schmecken unsere Lippen, wir beide, wir, die wir eins sind und die doch zwei Körper trennen. Wir, die wir sind wie ein Ganzes, die wir sind, wie eine Einheit. Sind wie siamesische Zwillinge, sind verschmolzen, ineinander verschlungen, zusammengewachsen, vereint, ineinander verschachtelt. Wir sind Eins.
Ich atme ein, und er, er atmet aus, aufschnappend, erleichtert, erlöst. Ganz so als hätten wir noch nie die Luft um uns geschmeckt. Wie Freiheit, wie Zerstörung, wie Liebe.
Mit jedem Atemzug den wir tun, nach dem wir schnappen wie Ertrinkende, atmen wir unser Existenz. Die Existenz dessen was wir sind, dessen wie wir sind.
Was ist der Sinn hinter all dem?
Hinter unserem Zusammensein?
Wir halten uns an den Händen, fließen durch unsere Adern, prickeln auf unserer Haut, brechen unsere Knochen, lassen unsere Herzen brechen und finden doch immer wieder zu uns zurück. Retten uns in unsere Arme, ich und mein Liebster. Verhalten uns wie zwei gejagte Hasen, wie zwei Flüchtende, wie zwei Ziellose.
Und jedes Mal wenn ich glaube ich muss verloren gehen rette ich mich in unsere Einheit, in unsere Verbundenheit, in meine Erinnerung an uns.
Daran wie wir sind: Klein, verloren, uns aneinander festhaltend, wir Zwei,- ineinander verschachtelt, einsam. Wie wir uns gegenseitig atmen, süchtig nach einander, nah beieinander stehend, mit Herzen die so laut schlagen wie ein Presslufthammer, mit unserem schwarzen Haar, unseren dunklen Augen, unseren Körpern voller Knochen, voller Fleisch, voll von sich windende Eingeweiden, gefühlt von blutroten Käfern.
Den Kopf voll von Unsinn, den Geist voll von Freiheit und das Herz voll von Liebe.
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