Alles, was wir gewöhnt sind, alles was wir taten, alle Zeit die wir gemeinsam verbrachten scheint auf einmal keinen Wert mehr aufzuweisen. An seiner Oberfläche, seinem Gesicht, seinen Bewegungen kann ich sehen wie die Käfer in seinem Inneren rumoren. Kann sehen wie sie die Wände seines Körpers auf und nieder krabbeln, wie sie versuchen, durch seinen Mund in die Freiheit zu gelangen.
Und ich kann es nicht ertragen zu sehen, wie er schluckt, kann nicht ertragen wie er sich heimlich im Bad erbricht, im Glauben ich würde ihn nicht hören. Kann nicht sehen wie er zittert, wie er zusammen zuckt wenn ich mich in seiner Nähe plötzlich bewege, wenn ich versuche ihn zu berühren, wenn ich versuche, ihn zu beschwichtigen, ihn zu beschützen, ihn von allem dem Schlechten, all dem Fauligen, das in ihm wohnt zu befreien.
Ich habe große Angst die Krankheit, die in ihm wohnt könnte wieder über ihn hereinbrechen, über mich. Habe Angst davor zu sehen wie tausende an blutgetränkten Käfern aus seinem Munde dringen, wie eine Flutwelle. Ich will nicht sehen wie er dann ist, wie er sich dann bewegt, so schwach und verunsichert, so voller Selbstzweifel. Ich mag nicht sehen wie seine Augen flüchtig über mich streifen, sich nicht trauen, länger als nötig an meiner Oberfläche haften zu bleiben, sich davor fürchten ich könnte den Ausdruck in ihnen bemerken.
Meine Liebster bittet mich, er fleht mich an:
Ich solle gehen.
Er fleht mich an ich solle mich aus seinen Fängen befreien, aus allem was mich bei ihm hält. Er sagt ich werde krank in seiner Nähe. Er sagt das die Käfer in ihm bereit sind, mich zu verschlingen. Ich solle fort laufen vor ihm, vor seinen sanften Fingern die meine blasse Haut berühren, vor seiner schlanken, schwarzen Gestalt die sich durch unsere vier Wände schiebt. Er sagt ich solle ihn alleine lassen und anders glücklich werden.
Vielleicht hat er recht damit, vielleicht werden die Käfer in seinem Innern mich zerstören. Vielleicht wäre es besser wenn ich jemand anderen lieben würde. Aber ich kann nicht. Ich kann mich nicht davonstehlen, kann ihn nicht zurück lassen, kann nicht ohne ihn sein, kann nicht ohne sein Lachen sein oder ohne sein Weinen.
Ich liebe ihn wie noch nie jemand geliebt hat.
Liebe ihn wie noch nie geliebt wurde.
An manchen Abenden liege ich wach, gebe nur vor ich würde schlafen, dann kann ich spüren wie sein Herz neben mir schneller schlägt, wie seine Finger nah an meinen Zittern und kann seinen ruhelosen, schnellen Atem nah an meinem Ohr spüren. Mein Herz schlägt schneller bei jeder seiner Bewegungen, bei jedem Atemzug denn er tut. Dann erhebt er sich sobald er glaubt ich würde schlafen, geht um nach den Käfern zu schauen, um zu schauen, ob sie schon aus seinem Mund hervorquellen. Und er kommt nicht wieder zurück. Er bleibt die Nacht irgendwo, eng zusammen gekauert, auf die Käfer einredend.
Manches Mal sperrt er sie einfach ein, sie und sich selbst.
Sperrt sie in einen kleinen Raum unterhalb der Treppe. In diesem kauert er sich dann zusammen, die Käfer zappeln ungeduldig in seinem Inneren. Sie wollen Frei sein, suchen irgendeinen Weg nach draußen. Suchen nach einer Stelle an der sie an die Oberfläche gelangen können.
Wenn ich dann alleine in unserem Bett liege, die Augen aufgeschlagen, zu weiten schwarzen Flecken geformt dann tut mir jede meiner Taten, einfach alles was ich empfinde so unbeschreiblich leid. Es tut mir leid, dass ich mich vor den Käfern in ihm fürchte, das ich mich vor ihnen verstecken zu versuche, das ich mich vor ihnen ekele.
Ich will ihn lieben, als wäre er der einzige Mensch auf Erden den es sich zu lieben lohnt.
Und doch habe ich Angst.
Ich habe Angst vor den Tagen und ich habe Angst vor den Nächten. Ich habe Angst vor der Unsicherheit die mich an solchen Tagen befällt, Angst davor in seiner Nähe zu sein, wo ich das Gefühl habe, ich sei das Bakterium das seine Krankheit auslöst. Wo ich das Gefühl habe, ich sei der Stoff von dem dieses Geschwür in seinem Innern sich ernährt. Ich weiß, dass ich durch das, was ich tue mit meinen Fingernägeln tief in sein Herz dringe, tiefe Rillen in ihm ziehe, dadurch, dass ich es vermeide in seine Augen zu blicken. Dadurch, dass ich lange Zeit nicht aus dem alten Dachzimmer heraus komme. Dass ich die Türen hinter mir verschließe. Dadurch, dass ich seine Anwesenheit meide als wäre die Luft um ihn wie Gift für meine Lungen.
Oft verkrieche ich mich ganze Tage auf dem Dach, verschließe die Tür hinter mir, versuche an nichts zu denken, versuche mich in Sonnenschein aufzulösen, mich von ihm hinfort tragen zu lassen.
Zu einem Ort an dem es meinem Liebsten gut geht, zu einem Ort an dem sich keine Käfer durch seine Eingeweide fressen. Kühler Wind dringt durch die undichten Stellen des Daches, dringt durch meine Hülle, durch meine Knochen.
Dringt, so scheint es mir zielstrebig in mein Herz.
Ich verstehe nicht warum ich hier bin, warum ich ihm nicht zur Seite stehe wenn es ihm schlecht geht, warum ich nicht versuche ihn mit allen Mitteln die ich habe zu beschützen.
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